Dienstag, 13. November 2012

Liebe in Zeiten des Internets

Das erste, was ich je zu ihm gesagt habe, war: ja, ich will. Das war ein Kommentar in seinem Blog gewesen. Ich war nicht die erste, die das kommentiert hatte, sein Subscribe-Link damals war: willst du mich heiraten? Er klickte dann den Skype-Link, den ich früher auf meinem Blog hatte, und wir wurden Skype-Freunde.

Wir blieben beim Tippen, monatelang. Beim Fernsehen, beim Lernen, im Bett, am Computer des Ex-Freundes. Wir erzählten uns alles. Also wirklich alles, weit über die Schmerzgrenze hinaus. Die Regel war: Keine Geheimnisse. Er nannte mich Kleines. Ich nannte ihn Paul. Was eigentlich ein Kosename hätte sein sollen, wurde zum Schweizer Pseudonym, weil die meisten meiner Freunde gar nicht wissen, wie er richtig heisst. Es war diese Art von Internetnähe, die man leichtfertig zulässt, wenn jemand zweihundert Kilometer weit weg ist.

Dann behauptete ich, ich hätte ein Mikro am Rechner, damit er anruft. Er nahm allen Mut zusammen und rief an. Ich tippte: ich habe gar kein mikro. haha. Aber ich mochte seine Stimme, also blieben wir beim Telefonieren. Ich kaufte ein Headset, das schrecklich unbequem war. Trotzdem schlief ich manchmal damit ein. Irgendwann besuchte er mich hier, auf der Durchreise. Er gab mir Musik, in Küchenpapier eingewickelte Rohlinge. Jahrelang hörte ich nur seine Musik.

Und wir schrieben uns Unmengen von E-Mails. Er schreibt die weltbesten E-Mails. Ich kaufte mir eine Webcam. Dann sagte ich ihm, dass er seine Freundin verlassen soll. "Und dein Freund?" Hatte ich verlassen. Er lag eine Nacht lang auf dem Badezimmerboden, weil er sich nicht entscheiden konnte. Dann verliess er sie. Ich kramte eine Flasche Champagner aus dem Schrank und trank sie alleine vor dem Computer. Wir haben beide das Datum vergessen. Unser Jahrestag ist: Irgendwann im November.

Nach Weihnachten fuhr ich nach München. Ich bloggte: Weggegangen, aber noch lange nicht davongekommen. Es war ein schrecklicher Winter, aus ganz anderen Gründen. Ich verbrachte den Januar unter seiner Decke, wir schauten Lost. Ich war verloren, nahm Medikamente, die sich schrecklich anfühlten. Er hingegen fühlte sich richtig an.

Dann sahen wir uns an Wochenenden. Ich muss zusammengerechnet etwa einen Monat im EC zwischen Zürich und München verbracht haben. Aber es ist immer noch eine schöne Strecke, auch deshalb, weil er am Ende am Bahnhof steht.

Und immer noch skypen wir. Er bloggt längst nicht mehr. Er sagt, er habe sein Ziel erreicht, nämlich: mich. Im Februar zieht er in die Schweiz, nach fünf Jahren Fernbeziehung. Fünf Jahre! Wir haben uns wirklich verdient.
Paul (Gast) - 13. Nov, 22:29

die cds, in zwei blatt küchenrolle eingeschlagen und mit einem stück tesa zugeklebt. selten war ich so nah dran gewesen an sowas wie nonchalance.

nuss - 14. Nov, 00:12

:*
kid37 - 13. Nov, 22:53

Aber es ist immer noch eine schöne Strecke, auch deshalb, weil er am Ende am Bahnhof steht.

Fünf Jahre sind wirklich eine schöne Strecke. Und die Geschichte erst! Man soll immer jemanden haben, der am Ende am Bahnhof wartet. Alles Gute!

nuss - 14. Nov, 00:11

Lange auch, aber schon schön. Danke!
books and more - 13. Nov, 23:10

Schöne Geschichte. Habe gerade das Telefon aufgelegt. Sie hat das weltschönste Kichern im Hörer. Umzug im August, die Blogs sind geschlossen.

nuss - 14. Nov, 00:09

Das mit den Blogs find ich schade, aber das weltschönste Kichern ist sehr erfreulich.
books and more - 14. Nov, 11:38

Kann man Ihnen bzw. Ihrem Eichhörnchen eine Mail zukommen lassen?
nuss - 15. Nov, 01:01

Gerne: aggressivnuss@gmail.com. Nicht wundern...
wonderbooks (Gast) - 15. Nov, 19:02

.
nuss - 16. Nov, 10:55

!
mek (Gast) - 13. Nov, 23:25

Hey super. Ich wünsche euch viel Glück.

nuss - 14. Nov, 00:09

Danke! Kann man immer brauchen.
moseron - 14. Nov, 09:19

Verdrücke ein Freudentränchen. Auch weil ich die Geschichte kenne. Ganz anders natürlich, aber doch sehr ähnlich. Viel Freude im nächsten Abschnitt!

nuss - 15. Nov, 01:01

Wie schön! Danke.
Claudio (Gast) - 15. Nov, 16:51

Wie schön, ein Monat im Zug, das ist ja die reinste Vorfreude!

nuss - 21. Nov, 23:01

Teure Vorfreude, aber ja: viel Vorfreude.
brln (Gast) - 21. Nov, 21:52

Das gibt Mut für die eigene Geschichte. Das Annähern übers Schreiben. Die Glut im Gesicht, den Gegenpart durch die webcam anzuschauen. Die Wut über ein Gebirge dazwischen. Und dann das Warten. Und Skype als stetiger Begleiter.
Ich wünsche viel Freude mit der zusätzlichen Nähe.

nuss - 21. Nov, 22:59

Ja, Skype, Fluch und Segen. Da merkt auch, wie viel anfassen zählt. Viel Mut also!
dosron - 22. Nov, 00:46

So eine schöne Geschichte.

Ich wünsche Euch viel Glück!

nuss - 22. Nov, 09:24

Danke, danke.
muetzenfalterin (Gast) - 28. Nov, 14:18

die geschichten hier sind immer schön (warum bloß habe ich so lange nicht mehr hier gelesen?), aber diese liebesgeschichte übertrifft alles.
ich wünsche von ganzem herzen alles glück für den zieleinlauf.

nuss - 29. Nov, 10:48

Das ist sehr lieb, danke.
Frau D. - 1. Dez, 00:18

wuah, sarina.

thomas (Gast) - 28. Dez, 17:01

wunderbarer text. und gute emails - so selten wie wertvoll. viel glück; ganz viel glück euch.

nuss - 11. Jan, 13:26

Ja, E-Mails, ganz besonders solche, die einem im Zug zum Lachen bringen.
Sofasophia - 10. Jan, 14:50

dich wiedergefunden

nachdem meine alte festplatte abgehauen ist, habe ich auf meinem neuen system vergessen, dass nussblog zu abonnieren. nun endlich nachgeholt. und schön, dich wieder zu lesen. habe nicht gemerkt, dass ich dein blog vermisst habe. bis jetzt.

deine liebesgeschichte hat ein paar parallelen mit meiner. bald sind es bei uns vier jahre. noch wohnen wir (wieder) fern. nach einem jahr in dtld bin ich ja wieder zurückgekommen - heimweh, die schweizer krankheit.

schön, dass ihr bald zusammenziehen werdet. ja, das habt ihr verdient. das und euch. good luck!!!

EDIT: bei mir waren es drei cds. in einem papierumschlag! :-)

nuss - 10. Jan, 18:17

Was für ein lieber Kommentar! Danke. Auch euch alles Gute. Ferne Nähe hat ja auch seine schönen Seiten.


Welch Wunder, welch Glück!...
Welch Wunder, welch Glück! Ich wünsche Ihnen...
texas-jim - 25. Nov, 21:44
Oha, das lese ich erst...
Oha, das lese ich erst jetzt. So lange brauchte der...
kid37 - 14. Okt, 19:41
Oh wie traurig-schön...
Oh wie traurig-schön ... kaum da, schon getrennt...
Sofasophia - 21. Sep, 13:46


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