Was das Herz begehrt

In meiner unmittelbaren Nachbarschaft befinden sich ein Museum für Fotografie, eine Kinderkrippe, ein Altenheim und eine Drogenabgabestelle. Ich denke, eine bessere Nachbarschaft ist schwer zu finden. Da wäre der praktische Nutzen des Museumscafés gegenüber, dass als solches nie überfüllt oder laut ist, sondern hell und internetfrei, weshalb ebendort meine besten Arbeiten geschrieben wurden. Und wenn man wie ich gerne am Fenster steht, gibt es immer mal wieder einen Marsch von Kleinkindern und Erzieherinnen oder eine Rollstuhlkolonne von Alten und Pflegern zu sehen. Ausserdem sind da die Drögeler, denen man beim Aufblühen zusehen kann, während man auf den Bus wartet. Vielleicht hat man auch einmal das Glück und sieht, wie einer den Pfosten der Verkehrsinsel rammt, kurz stehen bleibt und dann weiter fährt. Und wie dann einer von der Bushaltestelle hingeht, und sein Nummernschild aufhebt.

Ostern, übrigens

Nach dem Essen werden jeweils die Jasskarten geholt; draussen Schneesturm, drinnen Tumult. Die Tante wirft dem Vater lautstark vor, nicht mit ausreichend Gefühl zu spielen, der Vater grinst nur. Einmal wurde er beim Jassen laut, davon erzählt man noch heute.
Die Schwester summt beim Spielen, der Bruder konzentriert sich aufs Gewinnen. Die Mutter liegt auf dem Sofa, auf ihr der Hund und die Katze. "Bremer Stadtmusikanten!", ruft die Schwester, und stellt noch ein Huhn von der Osterdekoration oben drauf. (Es ist wie immer und wie immer ist immer gut.)

Freundschaft in fünf Schritten

1. Sie steht im Türrahmen, gross, dünn, mit hängenden Schultern. Ich sage: "Bist du die Neue?" Später wird sie mich in einem Aufsatz über den ersten Tag in der Klasse als "vorwitzig" beschreiben. Vorerst sitzt sie neben mir und ich bewundere ihre Ruhe und ihre Zähne.

2. Wir sitzen beide vorne rechts im Klassenzimmer und starren in die linke obere Ecke des Raumes. Sobald sich der Deutschlehrer umdreht und hochschaut, lachen wir ungehalten. Etwa zur gleichen Zeit ringen wir gelegentlich miteinander, mit viel Gelächter. Einmal werfe ich sie, sehr zum Schrecken besagten Lehrers, so zu Boden, dass sie sich auf Nierenhöhe aufschürft und eine Narbe davonträgt. Worauf ich stolz bin.

3. Im Sommer zwischen den Maturaprüfungen ziehe ich in die Stadt, sie wohnt ganz in der Nähe. Wir treffen uns jeweils auf halbem Weg und gehen mit den Hunden, damals waren es noch zwei, in den Wald. Es ist ein warmer und langer Sommer, mit langen Gesprächen.

4. Wir liegen im Garten unter Decken und zählen Sternschnuppen. Ich wünsche mir etwas, was besser nicht in Erfüllung gegangen wäre.

5. Wenn wir uns verabreden, sitzt sie meist schon auf der Treppe, wenn ich komme. Ich schaffe es nie, mich anzuschleichen, obwohl der Hund mich immer erst im letzten Moment bemerkt. Manchmal bringt sie mir einen Baum mit, der eine Blume sein soll. Wenn es nach mir geht, wird die Liste kein Ende haben.

Lotti

Alles Liebi zum Geburtstag, Lotti.

Folgende Aneinanderreihung von Attributen spielt in ihrer Form auf den Gegenstand der Betrachtung an

Ich habe da dieses grosse Bedürfnis über I'm not there zu schreiben, es tut mir leid.
Dass Bob Dylan von diversen Schauspielern gespielt wird, hat man ja noch mitgekriegt; dass sie zudem eigene Namen tragen und die Lebensabschnitte, die sie verkörpern, alle eine ganz eigene Filmsprache haben, macht die Sache nicht einfacher, trägt aber der Fiktionalität der Geschichte Rechnung. So weit, so theoretisch. Praktisch liegt in der Ästhetik dieser vielen Lebensentwürfen auch das Sehenswerte, mal Fellini-schwarz-weiss, mal Freak-Show-bunt, immer klug und schnell im Wechsel, unterlegt von Musik und Text, dem poetischen Dylan, der ununterbrochen redet, ohne etwas zu sagen, mit Ausnahme von ein, zwei wirklich grossen Cate-Blanchett-Momenten. Das schizophrene Konzept des Films scheint den Gegenstand langsam zu zersetzen, tatsächlich ist der Titel aber wörtlich zu nehmen: Er war gar nicht erst da.
Ich glaubte dann aber doch noch etwas Dylan zu sehen, in den ergrauten Männern, von denen wir umgeben waren, wie sie während des Films die erratenen Anspielungen lautstark mitteilten und deren Lieblingsstelle wohl der Abspann war, wo sie alle leise mitsangen: "How does it feel?"

Ausserdem Hosenträger

Eben versucht, den Penner am Stauffacher in Worte zu fassen, aber immer in diese abgenutzte Randständigenpoesie verfallen. (Vergleiche: Die meiner Wohnung gegenüberliegende neue Drogenabgabestelle heisst, saublöd, Ikarus. Wo doch Realität wenig mythologisch ist, und die meisten Kunden da den Schwab nicht gelesen haben werden.) Es ist vor allem dumpf. Dieser Kampf um Fassung, Flasche in der einen, Zigarette in der anderen Hand, nicht anders als die Ausgänger mit aufgesperrten Augen früh morgens: Weil nichts zu tun ist, wird die Umgebung mit Nachdruck betrachtet, Festhalten mit den Augen, vom einen Fuss auf den anderen wechselnd, die Haltlosigkeit in Person.


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Drauf- und Umhauen

"Hit that Donut!"
Die beste Webshow überhaupt, dazu ein grossartiges Fotoblog.

"Hit me, baby!"
Unbedingt bis 1:15 schauen.

Frozen Grand Central
Was wär ich gern dabei gewesen. Auch: Food Court Musical.

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